"Wenn Sie schon da am Fenster sitzen..."

Gerta Nadenau erhält den "Egidius-Braun-Preis".

Heute ist wieder ein Neuer da. Dorian kommt mit seiner Mutter. Der Elfjährige will springen. Wasserspringen. "Hast Du schon einmal auf einem Brett gestanden?" fragt Gerta Nadenau und fasst dem "Neuen" freundlich an die Schulter. "Ja? Na, dann lauf mal schnell duschen."

Während Dorian duscht, wendet sich Gerta Nadenau Marc, Muriel und Jan zu. "Gerade stehen, Bauch fest eingezogen - und jetzt springen". Die 77-jährige ist am Rand des Springerbeckens in der Westhalle am Aachener Kronenberg in ihrem Element. Seit mehr als 40 Jahren ist sie für die Nachwuchsarbeit bei den Wasserspringern im SV Neptun Aachen zuständig, und das mit Begeisterung. "Es ist furchtbar, wenn so etwas Spaß macht", lacht sie. "Ich lasse die Suppe überkochen oder das Fleisch anbrennen, wenn das Telefon wegen meiner Springer klingelt."

Wegen ihres herausragenden Engagements im regionalen Sport wurde Gerta Nadenau nun im Rahmen der Sportler-Gala der Aachener Nachrichten mit dem "Egidius-Braun-Preis" ausgezeichnet. Die Laudatio hielt Aachens Oberbürgermeister Dr. Jürgen Linden höchst persönlich. Spätestens als der DFB-Ehrenpräsident sie mit einem charmanten "schön, dass Sie hier sind, junge Frau", begrüßte und ihr gemeinsam mit Schalke-Manager Rudi Assauer, dem Schirmherrn der Veranstaltung, den Ehrenpreis überreichte, musste sie glauben, was sie Jury-Sprecher Herbert Baltus nicht abnehmen wollte, als der sie mit einem Blumenstrauß und der Nachricht wenige Tage zuvor in der Schwimmhalle überrascht hatte. "Nee, wa!?! Wer hat sich denn so etwas einfallen lassen..?"

Lob und Tadel

Fünfmal in der Woche scharen sich die Kinder in der Westhalle um ihre Trainerin. Montags, mittwochs und samstags die Fortgeschrittenen, dienstags und donnerstags die Auffanggruppe. Zwei Stunden intensives Training - eine Stunde auf dem Trockenen, eine Stunde im Wasser - vergehen dann wie im Fluge. Im Gymnastikraum geht's los. Aufwärmen, Dehnübungen und Akrobatik stehen auf dem Programm, wichtige Bausteine, damit der Salto vom Zehner wie vom Einer gelingt. Drehungen und Schrauben müssen erst an Land sitzen. Dabei hilft das Trampolin.

Wieder und wieder übt Gerta Nadenau mit ihren Schützlingen auf der Gymnastikmatte. Die Trainerin ist streng. "Popo fest anspannen, Nase zum Boden", fordert sie und motiviert gleich darauf: "Durchhalten!" Sie spart nicht mit Lob, aber ebenso wenig mit Tadel. Gern nimmt sie ihre Kinder in den Arm, findet mal aufmunternde und mal tröstende Worte. Allerdings erwartet sie von ihnen auch konsequente Arbeit. "Streng, aber gutherzig" sei sie, erzählen die jungen Springer über ihre Trainerin.

Bei einigen hat die Aachenerin die Basis für eine große Karriere gelegt. Die vielfache Deutsche Meisterin Elke Heinrichs ist ein Beispiel dafür, wie die nicht minder erfolgreichen Willi Meyer, Kerstin Finke und Monika Kühn, allesamt Teilnehmer an Olympischen Spielen. Sechs Jahre alt war Elke Heinrichs, als sie bei Gerta Nadenau ihre ersten Versuche wagte.

Deren Trainer-Karriere hat Anfang der 60er Jahre auf der Fensterbank der Osthalle begonnen. Ihre Töchter Ursula, heute längst unter dem Namen Klinger Sportdirektorin der deutschen Wasserspringer, die jüngere Gisela und ihr Sohn Werner wollten selbst vom Turm springen. Mutter Gerta begleitete die drei mit Söhnchen Stefan auf dem Arm zum Training in die Schwimmhalle. Dr. Otto-Eberhard Klinger, Trainer der Leistungssportgruppen beim SV Neptun, sprach sie an und spannte sie ein: "Wenn sie schon da am Fenster sitzen, können sie auch aufpassen."

Gerta Nadenau ließ sich nicht lange bitten und aus dem Aufpassen wurde bald mehr. Sie wurde Übungsleiterin, später Jugendwartin. Während Sohn Stefan quasi das Turmspringen in Windeln kennenlernte, lernte seine Mutter im Alter von über 40 Jahren heimlich Schwimmen. Dazu hatte sie in ihrer Jugend mit all den Kriegswirren keine Gelegenheit gehabt. In null Komma nichts machte sie dann auch den Auto-Führerschein, um die Kinder zu Lehrgängen und Wettbewerben kutschieren zu können, organisierte Zeltlager und Feste.

Die Arbeit mit den Kindern macht ihr ungeheuren Spaß. Die rüstige Seniorin hat bis heute ein Gespür, Talente zu erkennen, Fähigkeiten und Begabungen der jungen Springer auszubauen und sie an die Leistungsgruppen heranzuführen. "Aber nur, wenn Eltern und Kinder auch wollen", sagt sie. "Nicht jeder will Leistungssportler werden und das ist auch überhaupt nicht schlimm."

Elke Graf


Der Egidius-Braun-Preis

DFB-Ehrenpräsident Egidius Braun ist Pate dieser Auszeichnung der Aachener Nachrichten und des WDR, die im Rahmen der Aachener Sportler-Gala zum zweiten Mal verliehen wurde. Mit dem Preis wird die Arbeit von Personen gewürdigt, die sich in besonderem Maße um den regionalen Sport verdient gemacht haben, ohne das Rampenlicht der Öffentlichkeit zu suchen.